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Pfarrer sein war seine Berufung

Nachruf auf Herrn Pfarrer Heinz Galter
Die letzten Tage seines Lebens verbrachte der langjährige Neppendorfer Pfarrer Heinz Galter nach einem Krankenhausaufenthalt in einer Rehaklinik in Sonthofen. Dort ist er während einer Untersuchung am 14. August 2019 friedlich eingeschlafen. Nach Trauerfeiern in Kaufbeuren und Neppendorf ist seine Urne auf dem Neppendorfer Friedhof beigesetzt worden, wo auch drei seiner vorausgegangenen Kinder bestattet wurden - und wo er selbst an die tausend Mal an offenen Gräbern Trostworte gesprochen hat.
Geboren wurde Karl Heinrich Galter, allgemein als Heinz Galter bekannt, am 29. August 1926 in Freck. Er war das vierte von fünf Kindern des Pfarrers Kuno Galter und dessen Ehefrau Regine, geborene Reich. Nach den Jahren der frühen Kindheit zwischen Alt-Fluss und Gebirge, an die er sich bis in die letzten Lebenstage gerne erinnerte, zog die Familie nach Karlsburg/Alba Iulia, wo Heinz Galter die Grundschule besuchte. Einem weiteren Umzug der Pfarrersfamilie Galter nach Großschenk folgte der Aufenthalt im Internat des Lehrerseminars in Hermannstadt.
Im Januar 1945 ereilte auch den damals 18jährigen das Schicksal der Deportation nach Russland. Unter den widrigen Bedingungen eines Arbeitslagers, musste auch Heinz Galter jahrelange Schwerstarbeit im Kohlebergwerk und später als Schmiedegehilfe leisten. Während dieser entbehrungsreichen, aber sehr prägenden Zeit, unter anderem lernte er auch Russisch, reifte in ihm der Entschluss zum Theologiestudium. Dafür musste allerdings nach der Rückkehr 1949 erst das Abitur nachgeholt werden. Während des Studiums in Klausenburg lernte Heinz Galter seine spätere Ehefrau, die aus Kronstadt stammende Ingeborg Neustädter kennen, die nach dem Gartenbaustudium dort ein Praktikum absolvierte.
Im Jahre 1954 folgte das Vikariat in Nordsiebenbürgen und im Anschluss, 1955, die Wahl zum Gemeindepfarrer in Jaad. Hier sollte er auf Wunsch der Gemeinde verheiratet sein, weshalb im gleichen Jahr, am 14. August, Hochzeit gefeiert wurde. Es war wohl Fügung, dass der 14. August, 64 Jahre später, auch sein Todestag sein sollte.
Dank der erfolgreichen Arbeit in Jaad und im Bezirk Bistritz wurde Heinz Galter zum jüngsten Bezirksdechanten in der Landeskirche gewählt. Auch privat war es eine gesegnete Zeit. Vier Kinder, die Söhne Ortwin und Dietrich, sowie die beiden Töchter Irmtraut (gest. 2002) und Dietlinde (gest. 1977) wurden in Jaad geboren.
Im August 1965 übersiedelte die Familie nach Neppendorf. Hier erfolgte auch die Geburt des fünften Kindes, Raimar (gest. 2007). In Neppendorf übernahm Heinz Galter die Stelle des zweiten Gemeindepfarrers an der Seite des bereits seit 25 Jahren hier wirkenden Kollegen Dr. Hellmut Klima. Die Zusammenarbeit der beiden Pfarrer sollte ein wahrer Segen für die Gemeinde, aber auch für die beiden Geistlichen werden. Die Aufgaben im großen Neppendorf, welches sich durch die Nähe zu Hermannstadt, sowie durch die zwei gesprochenen Dialekte, wesentlich von anderen siebenbürgischen Gemeinden unterschied, waren vielfältig und nicht immer einfach zu bewältigen. Doch konnte jeder seine Stärken einbringen und gleichzeitig auch außerhalb des Pfarramtes tätig werden. Heinz Galter wurde bald ans Theologische Institut in Hermannstadt berufen, wo er viele Jahre neben Musik und Liturgischem Singen auch Katechetik unterrichten sollte. So sind durch sein Mitwirken auch die Lehrpläne für den Religions- und Konfirmandenunterricht in der ganzen Landeskirche erstellt worden. Das Monatsblatt „Kirchliche Blätter“ der Evangelischen Landeskirche, 1948 von den staatlichen Behörden verboten, wurde erst nach 25 Jahren, 1973 wieder belebt. Auch daran war Pfarrer Heinz Galter, zusammen mit seinen Kollegen und Freunden Prof. Hermann Binder und Prof. Hermann Pitters, maßgeblich beteiligt. Selbst der aktuelle Schriftführer der Redaktion, Herr Stefan Bichler, weiß mit großer Anerkennung zu berichten, dass „viele dieses Blatt nur wegen der Auslegungen der Monatssprüche des Herrn Galter bezogen haben“. Vierzig Jahre lang hat er diese wertvolle Arbeit geleistet. Die Texte wurden zu seinem 90. Geburtstag in Buchform unter dem Titel „Geleitet und getröstet“ zusammengefasst und erfreuen heute noch manche Leser. Auslegungen der Jahreslosungen und Mitarbeit am neuen Gesangbuch sind weitere Beispiele seines vielseitigen Wirkens außerhalb des Gemeindelebens in Neppendorf.
Aber Pfarrer sein war seine Berufung. Er hat nie Urlaub gemacht. Pünktlich um 7 Uhr wurde das Tor - und damit das Pfarramt aufgeschlossen und er war immer erreichbar. Was vorher schon selbstverständlich war, wurde mit der Pensionierung von Dr. Klima am 31. Januar 1980 noch viel wichtiger. Fortan waren die Geschicke der Gemeinde nur noch in seinen Händen. Zahlreiche Vikare konnten in schwieriger Zeit bei Herrn Galter sehr viel lernen und übernehmen. Im letzten Jahrzehnt seiner Amtszeit standen dann auch außergewöhnliche Ereignisse an. 1984 feierte die Gemeinde 250 Jahre seit der Ansiedlung der Landler. Die dafür erstellte Ausstellung ist auf seine Initiative zurückzuführen. Bei den umfangreichen Renovierungen an Kirchendach und Turm 1987 waren seine Erfahrungen im Umgang mit Behörden von großem Wert. Zu all dem waren gemeinschaftsstiftende Aktivitäten in seiner Arbeit genauso wichtig. Die Ausfahrten des Kirchenchors in die verschiedensten Gegenden Siebenbürgens brachten Einblicke in Geschichte und Kultur der Sachsen und blieben in Erinnerung, genauso wie die Chorproben und Aufführungen zu Hause in Neppendorf.
Herr Pfarrer Heinz Galter wurde mit 65 Jahren am 1. September 1991 in den Ruhestand verabschiedet ohne sich endgültig aus der Gemeinde zurückzuziehen. Da sein Sohn Dietrich zu seinem Nachfolger gewählt wurde, boten sich viele Gelegenheiten für ihn, weitere Gottesdienste, Gedenkfeiern und vieles mehr im Dienste seiner Gemeinde zu übernehmen. So hat er, während Herr Pfarrer Dietrich Galter in Großau, Hamlesch und Reußdorf Dienst tat, diesen an Neujahr und Epiphanias in Neppendorf vertreten. Von seinem Amtsantritt an, bis zuletzt im Jahre 2015, kam er damit auf 49 Neujahrsgottesdienste. Auch nach der Übersiedlung nach Kaufbeuren im Jahre 2006 kam das Ehepaar Galter regelmäßig mehrmals im Jahr nach Neppendorf. Nebenbei wurden in der Zeit seit der Pensionierung viele Reisen unternommen, worüber er gerne in Vorträgen, Artikeln oder Rundbriefen berichtet hat.
Herr Heinz Galter bleibt vielen auch durch seine vielseitigen Interessen in Erinnerung. Zu den wichtigsten gehörte zweifelsohne die Musik. Hausmusik in der Familie war selbstverständlich. Jedes seiner fünf Kinder konnte mindestens ein Instrument spielen. Aber auch Kinder aus der Gemeinde konnten im Pfarrhaus musikalische Früherziehung in Form von Flötenunterricht erfahren. Er schrieb Kanons, die mit der Familie, Freunden und mit dem Chor zu verschiedensten Anlässen gesungen wurden. Er schrieb aber auch Gedichte, oder ergänzte bestehende Lieder mit weiteren Strophen, wie zum Beispiel zu dem Lied 329 im Gesangbuch:
Bis hierher hat mich Gott gebracht, durch seine große Güte!
Bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte.
Drum sei IHM unser Dank gebracht da alles ER so gut gemacht!
IHM sei Lob, Preis und Ehre.
Es sind Worte, die Dankbarkeit als Lebenshaltung bezeugen (eines seiner Mottos).
Ein weiteres Lebensmotto hat der langjährige Kurator Samuel Gromer bei ihm ausgemacht als er mal über ihn sagte: „Der Herr Pfarrer wird niemals aufgeben“. Nachdem die Neppendorfer Blaskapelle am 25. Dezember 1991 aufgehört hatte zu bestehen, gründete Herr Galter kurze Zeit später eine neue Kapelle. Mit Josef Köber (Vianna) als Kapellmeister konnten eine Zeitlang wichtige Rituale in der Gemeinde weiterhin mit Blechbläserklang begleitet werden. An Heiligabend 2003 waren vier Bläser am Friedhof und hielten eine schöne Tradition am Leben. Es waren Heinz Galter mit Sohn Dietrich und Enkelsohn Christoph, begleitet von Johann Karmen. Anlässlich einer Trauerfeier am Heldentag im Mai, hat Herr Pfarrer Heinz Galter den Marsch „Ich hatte einen Kammeraden“ ganz alleine mit dem Tenorhorn gespielt. „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche“. Dieses Motto entsprach auch seiner Überzeugung.
Wir Neppendorfer haben bei Heinz Galter viel über das Kirchenjahr gelernt, über Psalm 23, Bergpredigt, Katechismus und Glaubensbekenntnis. Wir konnten aber auch sehen, wie ein Mensch, tief verwurzelt im Glauben, den er gelebt und verkündet hat, trotz schwerster Schicksalsschläge aufrecht durchs Leben gehen kann. In seiner langen Dienstzeit sind 25 Jahrgänge von ihm konfirmiert und getraut worden. Er hat unsere Kinder getauft, die Eltern, Großeltern oder Geschwister beerdigt. Für alle seine Dienste in beispielhafter Treue, für alles was er gegeben hat, bleibt uns am Ende nur zu sagen: „Danke, Herr Pfarrer“!

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